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Memo Julius Stockhausen No. 2 | Keine Klassenunterschiede

Die Mutter – eine zentrale Figur, die Julius‘ Kunstsinn und -geschmack prägte. Wie oft habe ich mich gefragt, ob es essentiell ist klassische Musik im Elternhaus zu hören, damit man später eine Karriere darauf aufbauen kann! Natürlich gibt es unzählige Beispiele, die bestätigen, dass Musikereltern auch Musikerkinder hervorbringen. Wie kann es anders sein, wenn man einmal mit dem Elixier infiziert wurde? Eine andere Frage, die damit einhergeht ist, ob klassische Musik nur für elitärere Haushalte zugänglich ist? Auch dafür gibt es in der Gegenwart zahlreiche Beispiele. Es ist eher unwahrscheinlich, dass ein Junge, der auf dem Kölnberg aufwächst, Zugang zum Klassikkanon Bach bis Zemlinsky hat, geschweige denn jemals vom Sänger Julius Stockhausen gehört hat.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Klassische Musik gehört nicht in den Entertainment- und Eventbereich, sondern ist ein Forschungsgebiet, wie jede andere Wissenschaft auch. Grundlage dieser Forschung ist die Bildung, die wir bereits in der Schule vermittelt bekommen, herrschende Meinungen (d.h. Meisterwerke von Komponisten, die als Meilensteine dieser Forschung betrachtet werden).

Dennoch braucht man heute natürlich nicht so viel Glück eine Magarete Stockhausen als Mutter zu haben, damit man überhaupt Zugang zu der Welt der klassischen Musik haben kann.

Youtube an und schon…kommt die Piano-Sonate L’Ultima von Johann Baptiste Cramer, die ich als Letztes gehört habe. Aber was, wenn ich diese Komponistennamen gar nicht kenne und einfach klassische Musik zur Suche eingebe? Ein Experiment: Ich frage jemanden, der gar nichts mit Klassik am Hut hat bei Youtube nach klassischer Musik zu suchen und als erstes Ergebnis erscheint The dark Tenor mit Ode an die Freude. Beim Cramer bekommt man den Eindruck einen romantischen Haydn vorgesetzt bekommen zu haben und der schwarze Tenor kann sicher die eine oder andere Gänsehaut hervorzaubern.

So viel zu UNBEGRENZTER ZUGANG.

Man muss erst einmal wissen wonach man sucht. Also doch pures Glück Madame Stockhausen als Mutti zu haben?

Das braucht man ja nicht, da man den allgemein-gültigen Kulturkanon hat. Den zu definieren ist unnötig, da es irgendwie klar ist was man damit meint: Goethe und so…

Ich nehme auch wahr, dass die Unwissenheit im Bereich Kultur gegenwärtig vertikal durch unsere Gesellschaft zu finden: Keine Klassenunterschiede, aber dafür viel Glück wird gebraucht, um ein nährstoffreiches Kulturangebot zu finden, damit nicht nur der schwarze Tenor im World Wide Web angeklickt wird.

Auf diese Version von Ode an die Freude können bestimmt Viele miteinstimmen, aber warum ist es so absurd geworden inhaltlich über das zunächst schaurige, kolossale erste Thema des Allegro ma non troppo und das zweite aufatmende desselben Satzes zu sprechen?

Hier übrigens ein feiner Text des Guardian zu Erinnerung, wie man über DIE NEUNTE auch sprechen kann:

Symphony Guide

ZUrück zu Julius: Es ist es beim wiederholtem Male des Lesens ein wundervolles Vorwort, das Julius‘ seiner Mutter widmet – ein intimes und warmes – das mich und mein Sängerherz sehr berührt hat und ich euch nicht vorenthalten will.

Zunächst aber wünsche ich euch eine musenhafte Woche allerseits.

VORWORT Julius Stockhausen Gesangslehre

Deinem Andenken, teure Mutter, Dir, meiner ersten Lehrerin auf dem Gebiete der Gesangskunst, widme ich diese Arbeit. Du warst es, die zuerst, durch den Zauber deines Tones, in mir den Sinn für Tonschönheit, für eine deutliche, durchgeistigte Aussprache, für einen seelenvollen Vortrag, als ich noch ein Kind war, wecktest. Noch tönt in meinen Ohren der Klang dieser Engelsstimme, als du mir – kaum zählte ich drei Jahre – ein Bettliedchen C’est la petite mendiante qui vous demand un peu de pain vorsangst und mich lehrtest. Nie satt es zu hören, wiederholte ich stets mein encore bis ich es selbst nachsingen konnte. Noch höre ich im Geiste die Weisen des großen HÄNDEL, des lieblichen HAYDN, des göttlichen MOZART von diesen beredten Lippen vorgetragen. An deinem absolut reinen Tone bildete sich früh mein Ohr, an der Mutter Stimme meine Stimme. Wer es nicht verstehen kann, wie nachhaltig solche Eindrücke, solche Beispiele auf ein Kind wirken, wer den Einfluss solcher Töne für übertrieben halten sollte, vernehme das Urteil des berühmten J.B.Cramer. Als die Mutter in einer Konzertprobe in London das Rezitativ und Ronso von Mozart’s Ch’io mi scordi di te mit Orchester und obligativem Klavier sang, sass der große Meister am Flügel. Der schon bejahrte Herr war von dem Vortrag der Sängerin so überwältigt, dass er gegen Schluss des Stückes allmählich von seinem Stuhle hinunterglitt und knieend seinen Part weiterspielte. „Das sind Töne von oben“ sagte er der Mutter, als die Arie zu Ende war „anbetungswürdige Töne“. So erzählte oft, stolzerfüllt, unser würdiger Vater.  

Magarethe Schmuck, Tochter eines Notars in Gebweiler im Elsass, erblickte daselbst den 29.März, 1803 das Licht der Welt. Sie wurde in Paris von dem Gesangslehrer Catruffo, einem Italiener, ausgebildet. Als es sich um das öffentliche Auftreten handelte, zeigte die junge Sängerin furcht. Ihr Lehrer sprach ihr Mut zu und fügte als letztes, überzeugendes Argument hinzu:  

„Madame, vous n’avez aucune raison d’avoir peur. Quand vous etes venue au monde, le monde bon Dieu vous a donne un coup de pied et vous dit : Allez chanter, mon enfant. »  

In der Tat, ihr Ton sprach so leicht an, war so seelenvoll, dass er nicht einer irdischen Hülle zu entspringen schien. Im Jahre 1842 zog sich die Mutter nach einer kurzen, aber ruhmvollen Konzertkarriere in England von der Öffentlichkeit zurück. Sie starb in Colmar 1877. Kein musikalisches Blatt gedacht der bescheidenen Frau. Wer will es dem Sohne verargen, wenn er es als eine Pflicht ansieht diese Perle des Elsasses der Vergessenheit zu entreißen?  

Frankfurt am Main, 1884  

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