Zum Inhalt springen

#worldoperaday | La Clemenza di Tito

Warum heißt die Oper eigentlich nicht La Clemenza d‘ Amore?

Liebe – sie macht so Einiges mit uns. Im Grunde ist die Liebe ein wohlwollendes Ding – viele wohlwollende Taten machen in Summe das Produkt Liebe? Aber ist es so einfach?

Laut Mozart lautet die ganz klare Antwort: Nein!

Das Leben und die Liebe sind ein komplexes Ding – eine Verdichtung aus vielen unterschiedlichen Absichten auf die wir reagieren und Liebe schon mal mit falscher Aufmerksamkeit verwechseln.


Die Personen:

So auch im Fall des jungen Sesto, der als Freund des Kaisers Tito Vespasiano, der den Irrungen und Wirrungen der Liebe zum Opfer fällt.  Die Liebe, die er für die schöne, reizende Vitellia empfindet ist einseitig und wird von ihr instrumentalisiert.

Aber auch Tito selber – der von Allen geliebten Kaiser – muss doch einen Spiel von Intrigen, politischen Verstrickungen und geschichtlicher Folgen zum Opfer fallen. Wohlwollende Taten eines Einzelnen sind kein Garant für die Liebe und Zuneigung aller. Schließlich kann man keine Verantwortung für den logischen Fortgang der Geschichtsschreibung übernehmen.

Im Zentrum der reinen Liebe steht das Päarchen Annio und Servilia, die ob ihrer jungen, naiven Art unbewusst den Ausgang der Geschichte lenken. An ihnen selbst scheint jede Böswilligkeit abgeprallt zu sein – ihre jungen Herzen sind rein. Auch ihre Liebe, die wie ein zartes, erst gerade ergrüntes Pflänzchen wirkt ist noch von allem Äußeren unberührt. Diese Liebe ist rein, aber eben dadurch gleichwohl fragil. Erstaunlich ist, wie durch Mildtätigkeit ihrerseits Hoffnung in eine nächste Generation gesetzt werden kann, die eben nicht aus Profitgier handelt.

Der einzige durch und durch abgeklärte Charakter – Publio – als eine Politikerpersönlichkeit ist dagegen der krasse Gegensatz: Ob nun Tito Vespasian oder sonst irgendein Kaiser er erfüllt seine Pflichten. Das Reich der Liebe ergründet nur jemand, der auch bereit für sie ist.

Das zur Personage.

Die Handlung könnt ihr auf Wikipedia oder bei Metastasio (Librettist) selbst nachlesen.


Die Musik:

Ouvertüre – Sie nimmt eben schon vorweg, was der Hörer in knapp 2:30 h Musikdauer erwarten kann. Alle Motivik, alle harmonischen Konstrukte und das glückliche Ende in C-DUR sind präsent. Nur kann der Hörer das noch nicht ahnen.

Dann springt es in die erste Szene (Secco Rezitativ) zwischen Vitellia und ihrem Geliebten Sesto. Gerade noch den wunderbaren C-DUR – Glanz und Gloria des gottgleichen, milden Tito –  im Ohr nun eine Rückung (ganze Stufe) nach D-DUR. Wie harsch, wie grob das klingt!

Quintenzirkel

Hier zur Erinnerung der harmonischen Beziehungen. Quintenzirkel und Tonleiter.

Warum ist das erwähnenswert?

Die Oper ist noch nicht auskomponiert. Trotzdem wird man schnell feststellen, dass die Anschlüsse zwischen den Nummern kein reiner Geschmack oder gar Gedankenlosigkeit des Komponisten sind.

Sie sind Produkt eines durchkomponierten Gedankenkonstrukts, der bereits in der Ouvertüre erklang.

Nun also weiter zum ersten Rezitativ. Es wird deutlich, dass dieses D-Dur eigentlich zum perfiden Plan der Vitellia gehört Tito zu ermorden, um ihr den Platz auf dem Tron zu sichern. Nach einer Eröffnungskadenz nach C-Dur wird das Dilemma deutlich: Sesto ist nicht ohne weiteres bereit seinen Ziehvater zu ermorden und hofft darauf, dass das doch nur Gedankenspiele seiner Liebsten sind. Er versucht demnach Vitellia umzustimmen.

Hier eine kurze harmonische Analyse:

Durch die Kopplung von harmonischen Räumen zu einer bestimmten Person, komponiert Mozart die inneren Beziehungen der einzelnen Personen zueinander aus.

Man könnte sagen, dass es sich um eine Art von Psychoanalyse handelt, die sich Mozart zum musikalischen Material macht. Genial.

Dieses D-Dur also (als Doppeldominate zur Dominante G- Dur) gehört damit zu Tito, der natürlich in reinster C-Dur Harmonik fungiert. Damit ist Vitellias Schicksal mit Tito eng verbunden und bereits durch ihn vorgezeichnet.

Rein gar nichts ist hier also Zufall. Es gibt wohin man schaut durchkomponierte Verwobenheiten in der Musik, die in der Harmonie, melodischen oder rhythmischen Motivik zu finden sind und damit die formale Konstruktion der Oper bilden.

Die schönen Melodien und Highlights sind zweitrangig und ohne Verständnis der tieferen, musikalischen Schichten wirken sie unaufgeregt. Aber gerade durch das vereinzelte Hören der bekannten Arien und Ensemblestellen gilt Mozart als einer derjenigen Komponisten, der unangefochten zum Kreis der Schönen Künste gehört und so gerne manchem Wagyu-Rind in Japan vorgespielt wird. Das Rind kann die Genialität hinter der Komposition nicht nachvollziehen. Der Mensch schon.

Wie Exemplarisch zuvor beschrieben, sind die Rezitative eine reinste Festmusik für alldiejenigen, die sich auf die Suche nach den goldenen Puzzelteilen der Oper machen, um das ganze der Komposition zu erfassen. Und ich garantiere hierbei nicht nur einen Spaßfaktor pur, sondern auch bei wiederholendem Male der Schnitzeljagd neue Erfolge!

La Clemenza di Tito eignet sich aus diesem Grund meiner Meinung nach exzellent als Einstieg in die musikalische Analyse.


In meinem Podcast Oper & Leben werde ich euch die Rezitative des Sesto noch näher vorstellen. Hört da doch mal rein, wenn ihr neugierig geworden seid.


Das Highlight:

Eine wundersame Stelle möchte ich euch aber dennoch nachträglich zum #Worldoperaday2020 nicht vorenthalten.

Akt II Szene III Secco Rezitativ zwischen Publio, Vitellia und Sesto:

Sesto wird nun deutlich, dass Vitellia ihn nur benutzt hat. Hier schließt sich der Kreis mit einer Kadenz des Rezitatives nach D-Dur. Oben habe ich ja bereits angemerkt, dass dieses D-Dur Vitellia zuzuordnen ist. Dem Hörer wird nun also bestätigt, dass auch Sesto mit der Liebe zu Vitellia abgeschlossen haben muss obschon er natürlich noch Gefühle für sie hat.

Nun gut. Das Rezitativ ist zu Ende. Sesto singt „Ingrata addio!“ …plam plam – D-Dur – the end.

Und dann kommt ein Moment kompositorischer Meisterleistung, der fast überirdisch ist.

Man hat dieses D-Dur im Ohr – so schön und verständnisvoll… die Vitellia hat ja hier nur ein paar Fehltritte begangen, aber man verzeiht schon. Fehlen ist menschlich.

Die Oboe – sie zeichnet eine Gegendarstellung und setzt die melodische Linie des Rezitatives fort, der uns Hörer in einen anderen, entfernten Raum mitnimmt. Und wieder ist es eine Rückung (ganze Stufe) diesmal von D- Dur nach B-Dur, die aber nun nicht harsch und grob wirkt sondern fast entrückt – dem Tod vorausahnend. Die einsame Oboe weiß erst einmal gar nicht wohin bis man wirklich in der neuen harmonischen Wirklichkeit angekommen ist. Dann erklingt ein Terzett, das gleich dem Terzett Octavian, Marschallin und Sophie aus dem Rosenkavalier in die Operngeschichte eingehen wird. Nur dass Mozart im Vergleich zu Richard Strauß hier radikaler komponiert (trotz beschränkter tonaler Mittel).

Der Anfang der Oboe d’Amore hat beim mehrfachen genauen Hinhören gar keinen tonalen Raum mehr.  

Auch wiederholt Mozart das ganze Spielchen noch einmal, damit man wirklich begreift, dass es so gewollt ist („Ti seguo. Vieni. Oh, crudeltà!“).

Man Vergleiche also das Hören der ganzen Passage ab der Szene II mit dem vereinzelten Hören des Anfangs des Terzettes. Es wird deutlich, dass hier nur ein zusammenhängendes Hören die ganze kompositorische Welt offenbart.

Akt II Szene II                   1:08:19

Terzett Anfang               1:10:09

Terzett Oh, crudeltà      1:12:00

James Levine con la Wiener Philharmoniker, Vienna 1980


Die Oper heißt eben nicht La Clemenza d’Amore, weil im Grunde durch die Mildtätigkeit des Tito alle anderen zu ebenderselben angesteckt werden. Es muss halt jemand anfangen, damit sich ein neuer Status quo etablieren kann.

Fehlen ist menschlich?

Das stimmt. Aber es muss auch jemanden geben, der eben sehr vieles richtig macht im Leben. Und an denjenigen sollen wir uns ein Beispiel nehmen.

Vielleicht ist das auch eine Botschaft an uns Künstler. Wir tragen eine Verantwortung für eine hoffnungsvolle Opern – und Konzertwelt.

Eine kreative, herbstliche Woche wünsche ich euch. Bleibt gesund.

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.